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DIKT[P]
Nico Bleutge: Fnf Gedichte
23.03.06
Im Korrespondentenbrief 9/2 schrieb Michael Braun: «Nico Bleutge realisiert wie kein anderer Autor seiner Generation das Abenteuer des Sehens’ in seinen Gedichten ». Siehe auch Bleutges Essay «Auf der Glasfläche. Vom poetischen Sehen». Nico Bleutge an Lyrikline. 

 

wandernde teilchen, das sehen
 
war diese eine bewegung, der landschaft punkte vorzugeben
sicherungskästen, knoten, die in den fels gestemmten
pfosten aus holz, und die eingewickelten boote. das meer
 
kehrte langsam ans ufer zurück, an den bruchstellen
sickerte luft durch die steine und senkte den druck
in den ohren. hörspuren, wärmere töne, das ein-
 
und ausfahren des zuges an den berghängen: dieser weiche
rhythmische schwung, der die häuser nach oben holte
das licht vor den fenstern stieg leise mit, eine zarte drehung
 
hielt die schultern über der sandfläche fest
ihre grob geschliffenen kanten bogen sich ein
in die mulden der strandmauer, hinter die tangpfade
 
griffen vereinzelt zweige, die kleinen bewässerungsgräben
vor den garben aus reisig und stroh, die sich feucht
dehnenden beete. nur auf den schmalen kalkterrassen
 
gab die luft ein wenig nach, und die töne wurden leichter
von den büschen angelockt, von den auf-
und abtauchenden blättchen. bis an die brüstung
 
der hangtreppe kamen die wellen heran, ihre flechten
aus seegras verschluckten die hand und die öligen teilchen
die sich streckten und wieder zusammenzogen
 
 
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charakterkopf, abteilung Messerschmidt (F.X.): 1
 
metall ist das, die kaum polierte platte, ist so voller
lust. da spricht der mund sich aus, die zunge
in der höhlung ist ein keil. da spannen sehnen sich, ein keil
aus einem kopf, den an der halsschlagader falten
auf dem sockel halten. kopf, der aus metall und also kalt
in deine fingernägel geht, wenn du die wulstig aus
geformten runzeln an der nasenwurzel fleckig schnippst.
dem hübschen plattenträger will der schädel
knochen fremdling sein, die lippen scheußlich hart, ich
möchte ein solcher werden, wie einmal ein anderer
gewesen ist. so sagt es ihm, in einer richtung soll die stirn
ein rippenlager sein, darunter wölben sich die augen
lider, still, als sei die zeit in diesem kahlen schädel an
gehalten, festgestellt. wo doch die zunge weiter
flüstern und die knochen knacken will. das ist metall
und hält den ton, auf einer kaum polierten platte.
 
 
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charakterkopf, abteilung Messerschmidt (F.X.): 2
 
was sehen wir: wir sehen köpfe, diese anzahl großer
ausradierter köpfe, die sich drehen und befingern lassen.
69 teile sehen wir, rasiert, justiert, kein härchen
auf den wangenknochen. umgestülpte lippen, eine wand
an der die fieberkurve lesbar wird, ein diagramm
aus eingeritzten linien und haken wie die spuren
eines vögeleins wir nehmen lappen für die brauen
für die schildchen einen schwamm, was wir hier sehen
sind die tapser und die kleinen randgrimassen.
ein bißchen daumenlutscher und zitronenschneider
ein lieber schneck und einhallodri, bißchen ulkig
und verwirrt. ein feschak und ein tausendsassa, faxen
vor dem spiegel, auch so rundlich um den schnabel
wo es gähnt und kräht und schreit. das ist schön an-
zuschaun und kundzugeben, was wir sehen
ist es nicht, wir sehen köpfe, große köpfe, 69 an der zahl.
 
 
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es zeigt der kiel mit seiner wölbung leicht nach oben
und leicht nach oben scheint das gras, das flach gedrückte
 
sich eben auszustrecken, härchen, kleine sammetpfoten
die halten hier den ton, die warten noch ein bißchen
 
was in der hecke sich bewegt. und es bewegt sich
einiges. feldblättchen, wespen, ein zerzauster flaum
 
gibt laut, hüpft heftig, augenschlitze werden weit. es
knistert, ja, es raschelt gar, als sich die pfoten langsam
 
nähern. dämmrig schmiegt die katze sich ins gras
sie dreht den kopf, den schmalen katzenkopf, zur seite
 
jener eingedellten stelle zu, an der die federn, schwanz-
und rückenfedern, friedlich in der sonne liegen. weit
 
verstreutes sammelt der katzenblick ein und hält es
fest, mit einem zucken des ohrs, mit einem beben
 
des schwanzes. die luft scheint ruhig zu bleiben, kühl
die kleinen pfoten, die von dem zittern kaum was sehen
 
oder hören lassen. tschilpen, rascheln feiner blättchen
es rührt sich etwas, das die katze, schmal, bedächtig
 
fest im blick hat, in den aufgespannten augen
des vogels, die nach oben zeigen, spiegelt sich nichts
 
 
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honigwarme pupillen...
 
... und war nur dieses eine stückchen, etwas
wie haut. das wird nun ganz genau betrachtet
 
und von einer feinen hand berührt. es liegt im schatten
wo sich diese wölbung zeigt, von haaren, kleinen wellen
 
oberhalb des nackens. bald schon lösen sich die rillen
ab. das weist voraus auf kahles, auf die schöne nackte
 
an der wand, die schielt so ruhig ins zimmer, dieser runde
ausgefranste mund und diese punkte auf den unterarmen.
 
hat hier der zeichner sich vertan? es will nicht recht gelingen
eine öffnung zu erkennen, nur ein milder klecks sticht vor
 
ob das zum atmen reicht, es zittert die figur, wie’s scheint
hat die verschobene kontur den maler höflich angeregt
 
ein wenig fester aufzudrücken und den schatten ein-
zudrehn. doch kaum zu sehen ist dafür der stoff
 
am andern ende, der allzu lose um die hüfte hängt. wo
ist denn hier die naht, der feine etwas unbestimmte strich
 
der eine möglichkeit mit einer andern möglichkeit...
...mit einer falte in der haut verknüpft. ach süßer honig
 
auf dem weichen lid. es bleibt der nacken mit dem kleinen
zart gewellten stück. und die pupillen wandern weiter.